Heinze ArchitekTOUR 2020, Teil 2: Verdichtung und Zersiedlung

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Screenshot Klaus Fuener im Gespräch mit Jan Knicker, MVRDV
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Das Schlagwort Verdichtung kam in fast jedem Architekten-Vortrag der virtuellen Heinze ArchitektTOUR 2020 mindestens einmal vor. Aber was genau ist darunter zu verstehen? Über die Notwendigkeit, den Stadtraum besser zu nutzen, herrschte weitgehend Konsens. Bei Analyse und Lösungsansätzen gab es deutliche Unterschiede.

Verdichtung der Städte: Verbreitete Denkfehler

Der Frankfurter Architekt Hans Drexler begründete sein Plädoyer für eine urbane Verdichtung auf einer Theorie, die leider allzu oft auch zur Verargumentierung einer ökologisch nicht vertretbaren Vernichtung der letzten innerstädtischen Rückzugsflächen für Fauna und Flora missbraucht wird. Diese weitverbreitete These weist allerdings mehrere Denkfehler auf.

So wird auf Basis der Prognose für das globale Bevölkerungswachstum und der Beobachtung, dass immer mehr Menschen in Städten leben, der Schluss gezogen, Städte müssten stärker verdichtet werden.

Der Bevölkerungsanstieg verläuft aber eben nicht überall gleich, es gibt starke regionale Unterschiede. Deutschland zum Beispiel hat auch inklusive der Flüchtingszuwanderung keinen Bevölkerungsanstieg zu verzeichnen, die Zahlen sind seit Jahren weitgehend konstant. Die Einwohnerdichte in den Städten hat hierzulande ihre Ursache folglich nicht in einer Bevölkerungsexplosion sondern in gesellschaftspolitischen Strukturen.

Genau diese bleiben aber außen vor, wenn man die Zuwanderung in die Städte als gegebenen Fakt hinnimmt und für die Zukunft hochrechnet. Mögliche Gegenentwicklungen, die den Druck auf die Städte mindern könnten – etwa durch eine Agrarreform weg von der industriellen Landwirtschaft, einen Ausbau ländlicher Infrastruktur, eine Umstrukturierung des Arbeitsmarkts hin zum Arbeiten im Homeoffice oder andere Mobilitätskonzepte (Wiederbelebung alter Bahnstrecken durch die Allianz pro Schiene z.B.) – werden so von vorneherein aus der Prognose und entsprechend vorausschauenden Planung ausgeschlossen.

Auch die Bevölkerungsexplosion sollte nicht als unvermeidbar hingenommen werden. Im Gegensatz zur Neuen Rechten, die unter Maßnahmen gegen Überbevölkerung einen Entzug des Lebensrechts für andere Völker sowie politisch Andersdenkende versteht und den Begriff damit in demokratischen Kreisen erfolgreich diskreditiert hat, treten Klimaaktivist*innen freiwillig in den Birth Strike und stellen damit ein zu Unrecht als „natürlich“ angenommenes Lebensmodell in Frage. Tatsächlich ist die Fixierung auf die eigene biologische Reproduktion als vorherrschende Norm der Existenz ein menschheitsgeschichtlich junges Phänomen, das weniger auf biologischer als auf gesellschaftlicher Konditionierung beruht. Es ist also durchaus möglich – und nach jüngeren wissenschaftlichen Prognosen auch wahrscheinlich, dass sich dieses MEM ändern wird bzw. muss.

„Corona hat gezeigt, wie wichtig der kleine Park um die Ecke ist“ (Stephan Behnisch)

Ein Beispiel dafür, wie Städte ohne unnötige Grünflächenvernichtung verdichtet werden können, stellten mit der Stadtentwicklungsplanung für das Wiener Nordbahnhofareal gleich zwei lokale Architekturbüros vor. Friedrich Passler von Alles wird gut lobte das „richtungsweisende Leitbild“, das die auf dem ehemaligen Bahngelände entstandene Brachfläche mit Fauna und Flora weitgehend erhält und mit einer am Rand des Areals verdichteten, hohen Bebauung säumt.

Auch das niederländische Büro MVRDV setzt auf das „Aufeinanderstapeln“ von Bebauung, um möglichst viel Grün zu erhalten. In seinem Beitrag mit dem bezeichnenden Titel „Verdichtung geht auch schön und grün“ listete Jan Knicker Maßnahmen zu einer sinnvollen Verdichtung auf und bezog sich damit auf die Kritik an der verdichteten Stadt. Eine stärkere Nutzung von Bestand gehöre ebenso dazu wie der Wandel von autogerechten zur autofreien Stadt und die Nutzung der dadurch frei gewordenen Flächen. Die Reduzierung des Autoverkehrs habe bei Projekten in Den Haag, wo alte Grachten wieder ausgegraben wurden oder in Oslo, wo die Architekten beim Bau einer bahnhofsnahen Wohnbebauung überzeugen konnten, auf dazugehörige Parkplatzangebote zu verzichten, zu einer Immobilienaufwertung gesorgt.

„Urban Sprawl causes traffic and emissions“

Dem Flächenmangel in den Städten mit dem Bau von neuen Siedlungen im Umland zu begegnen, sahen mehrere Vortragende kritisch. Nicht nur Knicker verwies auf die durch Zersiedelung erzeugten Probleme. Stephan Ferenzy vom Wiener Büro BEHF Architekten warb dafür, Städte attraktiv genug zu machen, um den „Wunsch nach der Hütte am See aufzufangen“.

Eine weitere Problematik der Flucht aufs Land brachten Dennis Hawner und Lars Krückebein von Graft, Berlin mit dem knappen Satz „Immobilienproblem gelöst, Mobilitätsproblem geschaffen“ auf den Punkt. Ein stärkerer Zuzug aufs Land sei nur möglich, wenn die Infrastruktur entsprechend ausgebaut und vor allem der Netzausbau vorangetrieben werde. Ohne diesen wird es mit der Arbeit im Homeoffice schwierig. Dies gilt natürlich auch für andere Aspekte der Digitalisierung wie dem Internet of Things oder Smart Home Technologien.

Ein wichtiger Aspekt im Zusammenhang mit städtischer Verdichtung erfuhr im Diskurs noch zu wenig Beachtung – die Nutzung von Leerstand bzw. dessen Vermeidung von vorneherein. Wertvollen Boden für Pseudowohnbauten zu verschwenden, die ausschließlich als Geldanlageimmobilien zur Spekulation dienen, können wir uns bereits jetzt nicht mehr leisten.

Teil 3 Heinze ArchitekTOUR 2020: Visionen von der Stadt der Zukunft

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