„Wer bestimmt die Architektur?“ CCSA Symposium Max Bächer

Unter dem Motto „Wer bestimmt die Architektur?“ ging das CCSA, Center for Critical Studies in Architecture, dem Einfluss von Netzwerken, Wettbewerben und dem öffentlichen Diskurs auf den Grund. Das zweitägige Symposium (16.-17.01.2019) stellte dazu den Architekten, Preisrichter und Hochschullehrer Max Bächer als exemplarisches Beispiel in den Fokus. … Weiterlesen »„Wer bestimmt die Architektur?“ CCSA Symposium Max Bächer

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Die aus der Korrespondenz mit Heinrich Klotz zitierten Spitzen gegen Bächers „Rivalen“ Günter Behnisch waren schon das erste Highlight des Symposiums. Rhetorisch brillant, bissig und sehr amüsant. Auch im direkten Kontakt scheint Max Bächer kein Blatt vor den Mund genommen zu haben. Wie die in der Austellung präsentierten Briefe belegen, scheute er keine Konfrontation und stellte sich auch der Verantwortung für Positionen, die er im Nachhinein anders einschätzte.

In den Vorträgen wurde immer wieder betont, dass Bächer sein Geschick, über Kontakte und Netzwerke Einfluss auf die Architekturpolitik zu nehmen, auch für die Nachwuchsförderung nutzte. So erfuhren seine Studenten in den  Mittwochabendvorträgen aus erster Hand die neuesten Nachrichten aus den Wettbewerben, noch vor der offiziellen Publikation. Bächer sei dafür bekannt gewesen, dass er Studentenarbeiten ebenso wie Wettbewerbsvorschläge besonders sorgfältig geprüft und seine Kollegen oft damit überrascht habe, Ideen zu verteidigen, denen diese keine Aussichten auf Erfolg eingeräumt hatten.

Plädoyer für mehr offene Wettbewerbe

Auf diese Offenheit bezog sich auch Jörn Köppler, Mitbegründer der Wettbewerbsinitiative.e.V. mit seiner Kritik am derzeitigen Wettbewerbswesen. Die geringe Anzahl an unbeschränkten Wettbewerben mache es gerade dem Architektennachwuchs schwer, sich die für zugangsbeschränkte Wettbewerbe notwendigen Referenzen überhaupt erst anzueignen. Dazu kämen Verstöße gegen das Vergaberecht. Dass dies nicht im Sinne einer lebendigen, an den Aufgabenstellungen der Zeit orientierten Architektur sein könne, wurde durch die einhelligen Kommentare aus dem Publikum bestätigt. Differenzen gab es um die Lösung des Problems: Es würde schon helfen, die bestehende Gesetzgebung einfach nur umzusetzen, befand Barbara Ettinger-Brinkmann, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer. Jörn Köpplers Entgegnung „Ein Architekt klagt immer nur einmal“ macht dagegen deutlich, dass ein Klagerecht, das den eigenen wirtschaftlichen Ruin zu Folge hat, nur ein Papiertiger ist; wenn man befürchten muss, nach einer Klage keine Aufträge mehr zu erhalten, ist „Klag doch“ als Rat so witzlos wie „Heul doch.“

Den Diskurs aushalten

Mit seiner soziologischen Fallstudie hatte Jan M. Silberberger schon am Mittwoch einen ersten amüsanten Einblick in das arttypische Verhalten einer Wettbewerbsjury gewährt. Am Folgetag wurde das Thema Wettbewerbsverfahren im Cluster zu historischen Fallstudien noch genauer unter die Lupe genommen. Der Kampfgeist, den Max Bächer u.a. im Diskurs um den Neubau des Rathaus Fellbach gezeigt hatte, zeichnete auch Egon Eiermann aus, der das nach außen präsentierte Selbstbild der jungen Bundesrepublik entscheidend mitprägte. Die Hintergrundinformationen zum Wettbewerb zu den Olympischen Sommerspielen in München zeigten auf, welche Belastungen Architekten aushalten müssen, um in der öffentlichen und politischen Auseinandersetzung die Eigenständigkeit ihrer Entwürfe zu wahren.

Netzwerke der Meinungsmache

Der letzte Cluster löste bei mir großes Unbehagen aus. Solange die Einflussnahme von Architekten über Netzwerke und Kontakte durch persönliche Integrität begrenzt und legitimiert wird, ist sie für mich vertretbar. Bei den Marketingmaßnahmen des IAUS und der „Anyone Corporation“ ist das aber nicht mehr der Fall. Der – vermutete – Zweck des IAUS, noch unbekannten jungen Architekten den Markt zu öffnen, macht es nicht besser. Im Vergleich mit der in den vorigen Clustern beschriebenen Wettbewerbssituation scheint diese Art der „Nachwuchsförderung“ ja erst durch einen schleichenden Paradigmenwechsel zu einer Wirtschaftstheorie bedingt zu sein, deren Vorgaben dann die selbsterzeugten Probleme lösen sollen. Die nach der Pleite des IAUS gegründete „Anyone Corporation“ definiert sich nur noch über eine Thesensammlung, die Grundlage für ein neues, vorurteilfreies Denken sein soll: Befreiung von Ideologien, Akzeptanz des „Ungewissen“, Opportunismus als Tugend etc. Da ich knapp 30 Jahre später weiß, welche gesellschaftspolitischen Fehlentwicklungen die zur Ideologie mutierte Wirtschaftstheorie ausgelöst hat, aus der diese Vorstellungen stammen, klingt das wie eine Drohung.

Ganz besonders, da die „Anyone Corporation“, die sich eigentlich zum Jahrtausendwechsel auflösen wollte, wohl nur ihren Namen aufgegeben hat, weiterhin aber ihr Netzwerk betreiben soll. Alles sehr undurchsichtig. Mir bestätigte der letzte Cluster die dringende Notwendigkeit einer geistigen Neuorientierung weg von den Any-Thesen. Angesichts einer ethikbefreiten Politik, deren opportunistische Vertreter sich vor lauter Ungewissheit zu keiner verbindlichen Entscheidung durchringen können, erscheinen die Ideale der Moderne zukunftsweisender und fortschrittlicher als die derer, die sie beerbt haben.

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