Nur ein reaktionäres Relikt? Was bedeutet „Heimat“ für die Architektur? Ringvorlesung an der Universität Kassel

Vortragsreihe Fusion – Positionen zu Architektur, Stadt und Landschaft, Ringvorlesung Heimat
Fotografin: Anna Bergold

Im Rahmen der Vortragsreihe Fusion – Positionen zu Architektur, Stadt und Landschaft veranstaltet die Universität Kassel die Ringvorlesung Heimat. Der Onlinediskurs geht dem durch rechtspopulistische Auslegungen belasteten Begriff auf den Grund und untersucht den Bezug zum gebauten Raum. Was ist unter Heimat zu verstehen und wie wirken sich die damit verbundenen Vorstellungen auf unsere Lebenswelt aus?

Ist der Begriff der Heimat in der Klimakatastrophe überhaupt noch zeitgemäß? Was bedeutet die Fixierung auf einen bestimmten Ort unter dem Aspekt zunehmender Wetterkatastrophen, die die globale Bevölkerung in einen Zustand der ständigen Migration zwingen werden? Welche Regionen und Orte in den kommenden Jahrzehnten noch bewohnbar sein werden, ist ungewiss.

Die Klimakatastrophe macht einen an den Ort gebundenen Heimatbegriff zum Anachronismus. Dieser wird am Beispiel des von Horst Seehofer geschaffenen Heimatministeriums deutlich, dem sich die Vorlesung am 11.11.2020 widmete. Eingeladen waren Johannes Mehlitz von der Stabsstelle Heimat im Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung NRW und die Journalistin Ferda Ataman. Die Aussagen von Johannes Mehlitz bestätigten Bedenken gegen die Verortung des Heimatministeriums ausgerechnet im Bauressort, wo ein am Ort festgemachtes Heimatverständnis einer von Architekt*innen und Fachleuten geforderten Bauwende entgegensteht.

Gesetzesvorlagen, die akute Problemstellungen wie den Mangel an bezahlbarem Wohnraum oder die durch das Bauen verursachte Klimaschäden angehen, sind bisher entsprechend ausgeblieben. Stattdessen stellte Mehlitz die Förderung von lokalen Kleinprojekten im finanziellen Rahmen des niedrigen vierstelligen Bereichs in den Fokus. Angesichts der wenigen Jahre, die für den Umstieg zu einem klimafreundlichen Bauwesen bleiben, sind ehrenamtliche Vereinsarbeit oder die Pflege regionalen Brauchtums nicht die Fragen, mit denen sich ein Ministerium bevorzugt auseinander setzen sollte. Das populistisch wirksame Klein-Klein lenkt vom politischen Versagen in der Bewältigung existentieller Fragestellungen ab.

Eine sinnvollere Aufgabe für ein Heimatministerium stellte die Vorlesung am 25.11. vor, in der Andrea Röpke und Andreas Spreit über ihr Buch „Völkische Landnahme. Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos“ referierten. Der Rückzug des Staats aus strukturschwachen Regionen hat ein Vakuum geschaffen, das rechtsextreme Gruppierungen für sich nutzen. Vertreter*innen des neurechten Spektrums kaufen gezielt Immobilien im ländlichen Raum auf und beanspruchen die Deutungshoheit der Heimat für sich, im Sinn einer Blut-und-Boden-Ideologie. Was diese Identitätsaneignung für die ansässige Bevölkerung bedeutet, berichtete Andreas Spreit aus eigener Erfahrung. Hier könnten gezielte Fördermaßnahmen des Heimatministeriums ansetzen und den Ausverkauf der „Heimat“ an Rechtsextremist*innen verhindern.

Die Vorlesungsreihe findet mittwochs abends digital statt und ist öffentlich zugänglich.

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